Karl Ulrich Voss, Burscheid: Meine Leserbriefe im Jahr 2024

Stand: April 2024; grün unterlegt: lokale/regionale Themen u. Medien

 

(2024/28) 10.4.2024
Kölner Stadt-Anzeiger
Ausländer-Kriminalität; afp-Meldung „Faeser will Abschiebungen beschleunigen“, Kommentar „Problem erkannt, aber nicht gelöst“ von Eva Quadbeck und Steven Geyers Bericht „Mehr Kriminalität durch Ausländer?“ (Ausgabe v. 10.4.2024, S. 1, 4 u. 6)

Der gute Teil der Nachricht: Kriminalität wird nüchtern als gesellschaftliche Erkrankung begriffen, als Problemlage aus Unterprivilegierung und gewaltsamer Teilhabe. Und nicht als quasi angeborener Makel von Fremden.

Der schlechte Teil: Die zugrundeliegende, zu einer schwierigen Anpassung zwingende Migration geht zu einem wesentlichen Anteil auf unser eigenes Konto, durch selbst verursachten Wanderungs-Sog und Wanderungs-Druck. Sei es, dass wir zum ökonomischen Nutzen in großen Zahlen „Gast“-Arbeit eingeworben haben und wieder einwerben. Sei es, dass wir in den letzten dreißig Jahren durch - zu häufig frustrierte - militärische Einsätze zur Destabilisierung ganzer Regionen beigetragen haben, im Nahen und Mittleren Osten, aber gerade auch auf dem Balkan.

Die naheliegende leichte Übung ist, die nun Auffälligen zu verjagen. Das anspruchsvollere und seit Jahrzehnten ungelöste Problem ist die brüderliche, aber aufmerksame Aufnahme einer komplexen und teilweise brisanten Mischung.

 

(2024/27) 3.4.2024
DIE ZEIT, veröffentlicht 4.4.2024 im Internet-Angebot der Zeit =
https://blog.zeit.de/leserbriefe/2024/04/04/27-maerz-2024-ausgabe-nr-14/
Russland heute; Leitartikel „Sieg der Gewalt“ von Jörg Lau in der Ausgabe No. 14 v. 27.3.2024, S. 1

Bei der trefflichen Suade gegen Putins Russland und Russlands Putin fehlt m.E. noch ein winziges Detail: Dass der Westen etwa i.J. 1979 den Russen tatsächlich Tod und Teufel auf den Leib gehetzt hat. Zumindest hat sich Carters Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski noch im Januar 1998 gegenüber dem Pariser Nouvel Observateur höchst befriedigt darüber geäußert, die Russen in die afghanische Bärenfalle gelockt zu haben. Als der Interviewer entgeistert nachhörte, ob er damit nicht den islamistischen Terror genährt habe, retournierte Brzezinski mit dem Brustton der Überzeugung:

Qu’est-ce qui est le plus important au regard de l’histoire du monde? Les talibans ou la chute de l’empire soviétique? Quelques excités islamistes ou la libération de l’Europe centrale et la fin de la guerre froide?“

Warum sollten die Russen annehmen, die Amerikaner würden für ein vermeintlich lohnendes Ziel hier und heute weniger über die Bande spielen?

Quellen etwa:
Zum Interview des Pariser Nouvel Observateur vom Januar 1998 Jimmy Carters Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski siehe m.w.N. etwa
http://uliswahlblog.blogspot.com/2013/08/isaf-und-der-3-juli-1979.html, interessant ferner die „Operation Sommerregen“, bei der ab Mitte der Achtziger Jahre namentlich der BND vertrauensvoll mit afghanischen Gotteskämpfern kooperierte, gegen die Sowjetunion und offenbar außerhalb des GG: https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Sommerregen_(Bundesnachrichtendienst) 

 

(2024/26) 3.4.2024
DIE ZEIT, veröffentlicht 4.4.2024 im Internet-Angebot der Zeit =
https://blog.zeit.de/leserbriefe/2024/04/04/27-maerz-2024-ausgabe-nr-14/
Ostern und das Ich; Titelthema „Kann der Mensch sich ändern?“, speziell Beitrag „Ich, nur besser“ von Johanna Haberer und Sabine Rückert in der Ausgabe No. 14 v. 27.3.2024, S. 11ff

Was, wenn es gar kein stabiles Ich gäbe, keine einige Seele? Sondern nur eine mühsam durch Daten aus Ausweisen, Zeugnissen und Grabsteinen zusammengeschusterte Identität? Wenn wir alle notorische Schauspieler wären, wie die Bonobos oder die Raben? Oder wenn multiple Persönlichkeiten gar nichts so Besonderes wären? Möglicherweise könnten wir viel öfter aus der Rolle fallen oder die Rollen tauschen, dürfen es aber nicht.

 

(2024/25) 2.4.2024
Kölner Stadt-Anzeiger, Lokalausgabe Leverkusen
Kriegsopfer-Gedenken; Thomas Käding: „Die Gedenkstätte liegt in der Anonymität“ (Lokalausgabe Leverkusen v. 30.3.2024, S. 35)

Eine Ergänzung zu Thomas Kädings Artikel „Die Gedenkstätte liegt in der Anonymität“: Dass die Gedenkstätte für sowjetische Opfer des Zweiten Weltkriegs verwahrlost wäre, ist eigentlich nicht das Problem. Tatsächlich kümmert sich seit Jahrzehnten die Frauen-Union regelmäßig und aktiv darum, den gegebenen Stand zu erhalten. Das Problem ist allerdings, und darauf hatte das Landes-Heimatministerium i.J. 2021 unseren Geschichtsverein aufmerksam gemacht: Rein gar nichts lädt hier zum Verweilen, Nachdenken oder Gedenken ein.

Was also tun? An der sehr versteckten, selbst alten Burscheidern zumeist unbekannten Lage des kleinen schwarzen Obelisken, da wird man realistischerweise gar nichts ändern können. Aber die Aufnahme in den Burscheider Denkmalpfad läge nahe, ferner eine gut sichtbare, sprechende Wegweisung. Und, wie es der Artikel weiter vorschlägt, eine niedrigschwellige Erläuterung zu den Opfern, derer man hier gedenken kann. Denn Name, Geschlecht, Alter, Geburtsort und sogar die Todesursache waren damals penibel festgehalten worden. So könnten wir den Opfern viel mehr Gesicht und Hintergrund geben.

Vielleicht kann Burscheid die nun beschlossene Friedhofs-Arbeitsgruppe aus Rat und Verwaltung auch noch um einige per Los ermittelte Bürgerinnen und Bürger ergänzen, könnte so erste prozedurale Erfahrungen mit Bürgergutachten gewinnen – wie es gerade selbst der Bundestag erstmals wagt, dort bei Ernährungsfragen.

P.S.:
Anders als das Kriegsopfer-Denkmal ist das Krieger-Denkmal (zu 1870/71) nahe beim Friedhofs-Eingang angestammter Teil der Burscheider Denkmalliste (dort Pos. 15, siehe
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Baudenkm%C3%A4ler_in_Burscheid), konsequent ebenso Element des Burscheider Denkmalpfades (Pos. 44, siehe https://kulturverein-burscheid.de/content/Denkmalpfad/html/denk-44.html). Nicht dokumentiert ist per Denkmalpfad übrigens der schaurige Sinn-Spruch auf der Rückseite des Krieger-Denkmals, siehe auch das unten beigefügte Bild:

DEN GEFALLENEN ZUM GEDÄCHTNIS
DEN LEBENDEN ZUR ERINNERUNG
DEN ZUKÜNFTIGEN GESCHLECHTERN ZUR NACHAHMUNG
(Hervorhebung von mir ;-)

 

(2024/24) 26.3.2024
Kölner Stadt-Anzeiger
Islamistischer Terror in Moskau; Kommentare „Für Putins Versagen soll Kiew büßen“ von Karl Doemens und „Der Terror bedroht auch uns“ von Felix Huesmann (Ausgaben v. 25. u. 26.3.2024, jeweils S. 4)

Jede Häme ist fehl am Platz; eine diplomatische Kondolenz wäre unsere mindeste Pflicht. Und wer derzeit die bizarrsten Feindbilder pflegt, darüber ließe sich noch lange streiten.

Aber gerade heute sollten wir nicht ausblenden: Der Westen hielt es einmal für ausgesprochen clever, den militanten Islamismus gegen die Sowjetunion aufzustacheln und aufzurüsten. Im Irak haben wir weitere Ursachen für globalen Terror gesetzt. Bei Licht besehen waren wir im gesamten Nahen und Mittleren Osten als Zauberlehrlinge unterwegs, bis in die jüngste Zeit. Das ist unsere Verantwortung und ist das reale heutige Risiko. Jeder Tag im aufgebrachten und verständnislosen Streit unter Industriestaaten mehrt es.

Quellen:

Zum Interview des Pariser Nouvel Observateur vom Januar 1998 mit Jimmy Carters Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski siehe etwa http://uliswahlblog.blogspot.com/2013/08/isaf-und-der-3-juli-1979.html m.w.N.; interessant ferner die noch folgende „Operation Sommerregen“, bei der ab Mitte der Achtziger Jahre namentlich der BND vertrauensvoll mit afghanischen Gotteskämpfern gegen die Sowjetunion kooperierte: https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Sommerregen_(Bundesnachrichtendienst) 

Zu den Feindbildern:
Der letztjährige Mottowagen des Kölner Karnevals nahm einen diabolisch in Blut und Grabkreuzen rührenden Putin auf's Korn. Ein psychologisch bemerkenswertes Detail war die Symbolik auf Putins Brust - Hammer und Sichel. Oder auch: nachhaltig recycelt.

Ein Bild, das Fiktive Gestalt, Fiktion, Anime, Darstellung enthält.

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(2024/23) 24.3.2024
DER SPIEGEL
Elektromobilität; Titelthema „Der Elektroschock“ der Ausgabe Nr. 13 v. 23.3.2024, insbesondere Beitrag „Kurzschluss“ von Simon Book et al., S. 8 – 15

Die Wunderwaffe gegen die deutsche Reichweitenangst? Nein, nicht der TAURUS alias Höllenhund 2.0. Unser aller Zweitwagen wäre es gewesen. Der, mit dem man Tag für Tag vielleicht 100 bis 200 km zurücklegt und ca. 90% des Jahresespensums. Der, mit dem wir den meisten Sprit sparen könnten. Nur – der Zweitwagen ist selbstverständlich nicht Premium, Masse und Marge genug. Pech, vorbei.

P.S.:
Seit zwei Jahren und ca. 22.000 km fahre ich mit stetem Glück einen
Dacia Spring, dem Anschein nach bei Dacia in Rumänien gebaut, tatsächlich aber ja bei Dongfeng in Wuhan, China. Konkurrenzfähige Qualität, sehr gute Ausstattung und ein kleiner ökologischer Rucksack, alles zusammen für < 15 T€. Verglichen mit der abschreckend düsteren Reportage von Haiko T. Prengel „Das Märchen vom soliden Elektroauto“, SPIEGEL Nr. 12 v. 16.3.2024, S. 100f, bin ich gefühlt auch fabelhaft zuverlässig unterwegs. Gut, das ist nur "Losgröße 1" und mag an prägenden Eigenschaften meines ersten Autos liegen – eines ebenso Glück spendenden Deux Chevaux mit 16 PS aus 421 ccm und 5 Litern Verbrauch, normal 😉

Anm.: China hat seine Industrialisierung u.a. mit einer pädagogisch klug gewählten, weil allseitig skalierbaren Schlüsselindustrie vorangebracht – mit Spielzeug. Mit kleinen Einstiegs-Sellern war Deutschland ja einmal ebenso erfolgreich, hat’s aber lange vergessen.

 

(2024/22) 22.3.2024
Kölner Stadt-Anzeiger
Wehrkunde; Berichte bzw. Kommentar „Besuch vom Jugendoffizier“, „Besser vorbereitet auf die Katastrophe“ bzw. „Annäherung an die neue Realität“ von Alexandra Ringendahl und Gerhard Voogt (Ausgabe v. 22.3.2024, S. 3 u. 4)

Im Rahmen eines Wehrkundeunterrichts: Die Republik bis zur 1. Zeitenwende i.J. 1989 wäre sehr authentisch abzubilden durch einen Besuch der Schulklasse im Landes-Regierungsbunker Am Gillesbach 1 in Kall-Urft in der schönen Eifel, im praktisch noch betriebsfähigen Zustand. Für die folgende Epoche bis zur 2. Zeitenwende i.J. 2022 empfehle ich dem Jugendoffizier eine gemeinsam zu erarbeitende Evaluation der Auslandseinsätze und Kriege dieser Phase - auf Zielerreichung, Opfer und Folgen, etwa in Somalia, im Sudan, in Afghanistan oder in Mali. Ein markanter Schwerpunkt könnte dabei die Operation Allied Force 1999 u.a. gegen die europäische Hauptstadt Belgrad sein – in deren Kontext wurde uns der Begriff „collateral damage“ vertraut. Und für die nunmehrige 3. Phase könnte man den mutmaßlichen neuen Regierungsbunker in Berlin ins Auge fassen; allerdings läge das für uns etwas abseits und wäre wohl ohnehin verschlossen. Eine verstärkte schulische Katastrophen-Vorbereitung könnte ggf. etwas aufgelockert und psychisch entspannt verlaufen, griffe man auf das Maskottchen des US-amerikanischen Zivilschutzes der Fünfziger Jahre zurück – auf „Bert the Turtle“ und sein verschmitztes Motto „Duck & cover!“

Quellen:

Zu den Bombenangriffen der NATO auf Belgrad, deren Beginn sich in wenigen Tagen zufällig 25-fach jährt, siehe etwa https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Allied_Force. Das soweit bekannt erste amtlich dokumentierte zivile Opfer eines Auslandseinsatzes war bereits am 21.1.1994 der junge Somali Farah Abdullahi i.R.d. Operation UNOSOM II, siehe die Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Bündnis-Grünen =  https://dserver.bundestag.de/btd/12/069/1206989.pdf

„Bert the Turtle“: siehe Bild-Anlage.
Anm.: Dieser damals sehr ernst gemeinte Cartoon stammt noch aus meiner jahrzehntelangen dienstlichen Befassung mit Geheim- und Zivilschutz. Den Besuch bzw. die Führung in Kall-Urft kann ich jedem dringend empfehlen, der sich mit Wehrkunde und Zivilschutz tiefer befassen will. Man sollte sich dafür im Wortsinn und im übertragenen Sinn warm anziehen.

Ein Bild, das Text, Zeichnung, Entwurf, Clipart enthält.

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(2024/21) 19.3.2024
DIE WELT
Friedensaufruf von Papst Franziskus; Franz Alts Gastkommentar „Die Papst-Kritiker hören nur, was sie wollen“ (Ausgabe v. 18.3.2024, S. 7)

Herzlichen Dank an Franz Alt und an die WELT-Redaktion für den bemerkenswerten Gastkommentar vom 18. März! Ich stimme zu: Das nüchterne Bewerten (auch) eigener Verursachungsbeiträge und (auch) fremder Interessenlagen ist die erste Voraussetzung für Diplomatie. Der Papst mag alt sein. Aber ein Tor ist er nicht.

Quelle
Den Gastkommentar von Franz Alt siehe auch auf dessen Internet-Seite sonnenseite.com:
https://www.sonnenseite.com/de/franz-alt/kommentare-interviews/dieser-unmoegliche-papst/

 

(2024/20) 18.3.2024
rga / Remscheider General-Anzeiger
Wehrkundeunterricht; epd-Meldung „Schulen sollen auf Kriegsfall vorbereiten“ u. Kommentar v. Sebastian Kunigkeit “Wehrgedanke soll in Schulen einziehen“ (rga v. 18.3.2024, S. 1 u. 2)

Als Lehrplanelement eines etwaigen künftigen Wehrkundeunterrichts empfiehlt sich dringendst der Besuch der Dokumentationsstätte „Ehemaliger Ausweichsitz der Landesregierung NRW“ in Kall-Urft: Eine sehr haptische und authentische Zeitreise zurück in massive Bunkermentalität, fertig zum Einrücken.

Vielleicht aber kann unsere Bildungsministerin Feller ihrer Bundeskollegin Stark-Watzinger bei einem Ortstermin dort beibringen: Unsere Prioritäten liegen beim sicheren Vermitteln von schulischen Grundfertigkeiten, gerade für eine kritikfähige und wehrhafte Demokratie.

Quellen etwa:
www.ausweichsitz-nrw.de

 

(2024/19) 13.3.2024
DIE ZEIT, veröffentlicht am 14.3.2024 im Internet-Angebot der ZEIT:
https://blog.zeit.de/leserbriefe/2024/03/14/7-maerz-2024-ausgabe-nr-11/
Bundeswehr-Abhöraffäre; „Putin ist ganz Ohr“ von Yassin Musharbash (Ausgabe No. 11 v. 7.3.2024, S. 1)

Wie John le Carré kann ich keinen ethischen Vorsprung westlicher Dienste erkennen: Alle arbeiten definitionsgemäß im Schatten, sind der Staatsräson mehr verpflichtet als den Menschenrechten. Ein Konzept wie das der „Inneren Führung“ würde dort niemand anwenden wollen. Auch deutsche Dienste waren, wo erforderlich, offen außerhalb der Verfassung aktiv, etwa bei der am Ende sogar mit Orden belohnten „Operation Sommerregen“ in den Achtzigern: Der BND hatte während der sowjetischen Besatzung Afghanistans gemeinsam mit Mujaheddin und unter dem Deckmantel humanitärer Hilfe moderne russische Waffen aufgesucht und außer Landes gebracht, nota bene ohne Rechtsgrundlage bzw. ohne Mitwirkung des Bundestages.

Es fällt auch schwer, sich geopolitisch folgenreichere und – in Menschenleben gerechnet – tiefer einschneidende Projekte vorzustellen als etwa die Operation AJAX: Als MI6 und CIA zum Nutzen der Öleinnahmen der Anglo-Iranian Oil Company, später BP bzw. ARAL, einen erfolgreichen Putsch gegen den gewählten iranischen Staatspräsidenten Mossadegh organisiert hatten, mit bis heute wirkenden disruptiven Folgen für eine ganze Region. Oder die später auch „bear trap“ genannte CIA-Operation CYCLONE, die die Sowjets nach Afghanistan locken sollte und mit dem dortigen militärischen Debakel das Ende der Sowjetunion einläutete.

Die Dienste gestalten unsere Sicht auf die Dinge, aber nicht selten eben auch die Dinge selbst.

Quellen

Operation (TP)AJAX: https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Ajax
Operation CYCLONE:
https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Cyclone
Operation Sommerregen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Operation_Sommerregen_(Bundesnachrichtendienst)

Anm.:
Sehr interessant und aufschlussreich erschien mir in diesem Kontext die folgende Passage aus dem Bericht „Mit Sicherheit teuer“ von Jörg Lau, Anna Sauerbrey, Mark Schieritz, Heinrich Wefing und Peter Dausend in der ZEIT No. 10 v. 29.2.2024, S. 4:

Sollte die Ukraine tatsächlich verlieren, etwa weil ein künftiger Präsident Trump die Unterstützung einstellt, rechnen westliche Geheimdienste mit einem Umsturz in Kiew, einem Partisanenkrieg gegen die russischen Besatzer, Millionen Flüchtlingen, die in Westeuropa untergebracht und versorgt werden müssten.“

Ein Planspiel, gewiss, aber eines, das zeigt, wie volatil ein Szenario entwickelt bzw. gestaltet werden kann. Oder: wie ein Szenario rhetorisch einsetzbar ist. Denn käme es wie dort orakelt, dann wäre dies der vollständige Bankrott der bisherigen Ukraine-Investitionen und eine tatsächlich extrem risikoreiche ökonomische wie soziale Entwicklung. Dies mag zu einer zwanghaften Eskalation der bisherigen Anstrengungen anleiten, viel weniger wahrscheinlich zu einem Pfadwechsel.

 

(2024/18) 13.3.2024
Kölner Stadt-Anzeiger
Wahlen in Russland; Thorsten Müller „Der ewige Putin“ (Ausgabe v. 13.3.2024, S. 2)

Danke für Thorsten Müllers gut recherchierte und sehr informative Reportage „Der ewige Putin“! Sein Bericht macht wesentliche Unterschiede nachvollziehbar, aber eben auch frappierende Übereinstimmungen, so die gemeinsame Fokussierung auf Konsum oder eine beiderseitige unpolitische Grundhaltung, speziell zur Außen- und Sicherheitspolitik. Kriege - welche denn? 

Und wenn die Bundesrepublik auch sicher keine totalitären Züge zeigt, so ist doch auch bei uns die Fluktuation in der politischen Klasse betont gering. Wie in Russland prägt uns offenbar eine tiefe Sehnsucht nach Kontinuität und Stabilität, die im Zweifel zum Bewahren des Bewährten anleitet und die eine parallele Ursache vermutlich im brutalen letzten Weltkrieg hat.

 

(2024/17) 12.3.2024
Kölner Stadt-Anzeiger
Aufruf des Papstes zur Ukraine; Kommentar von Eva Quadbeck „Dem Weltfrieden geschadet“ und Bericht von Markus Decker „Pabst empfiehlt Kiew ‚weiße Fahne‘ “ (Ausgaben v. 12.3.2024, S. 4 und v. 11.3.2024, S. 6)

Schämen müsste sich Frau Strack-Zimmermann nicht nur für den Pabst, sondern für den offenbar überwiegenden Teil der Menschheit: Denn alle diese haben – auch lange vor der aktuellen Wortmeldung – wenig Verständnis für weiteres Gemetzel, mit immer mehr und stärkeren Waffen. Ein Gemetzel, aus dem wir die Finger fein heraushalten und an dem manche noch üppig verdienen.

Von ihr fordere ich ebenso wie von Frau Göring-Eckardt: Präsentieren Sie Ihren realistischen Verhandlungsvorschlag! Einen, der hilft, weitere Zehntausende Opfer zu verhüten. Dieser Vorschlag sollte nicht enthalten, dass jeder Quadratmeter der Ukraine garantiert dauerhaft von russischem Einfluss befreit wird oder dass die NATO einen Stützpunkt in Sewastopol einrichten kann.

Den Russen sollten wir auch nicht weniger Schutz wohlverstandener Interessen zubilligen, als wir es bei unserem atlantischen Partner in Gestalt der Monroe-Doktrin für völlig selbstverständlich halten. Die Gefahr eines russischen Imperialismus und eines neuen „dark age“ definieren wir auch höchstpersönlich. 

Man darf es wohl so sehen: Wir büßen heute für eine raumgreifende, auftrumpfende und völlig un-empathische Außen- und Sicherheitspolitik nach 1989. Ein gesichtswahrender Pfadwechsel ist möglich – und er ist sogar unverzüglich geboten: Tatsächlich benötigen wir alle Ressourcen, auch die der Diplomatie, um ein längst fühlbar kippendes Weltklima zu stabilisieren. Sofern wir eine to-do-Liste nach unmittelbarem Gefahrenpotenzial für unsere Zivilisation abarbeiten, dann müsste genau das ganz vorne stehen.

 

(2024/16) 9.3.2024
Kölner Stadt-Anzeiger, abgedruckt 16.3.2024
Entwicklung der Waffentechnik; Can Merey „Die tödlichen Überflieger“ (Ausgabe v. 7.3.2024, S. 29)

Die zitierte Einschätzung von Alexander Bornyakov ist m.E. ebenso schlüssig wie erschreckend: Angesichts der viel billigeren und effizienteren Drohnen ist die gerade wieder zu Ehren gekommene Panzer-Waffe schon endgültig aus der Zeit gefallen, ebenso weitere teure Großgeräte wie Kriegsschiffe oder Flugzeuge. Giga-Factories für große Artillerie-Munition? Konsequent ebenso unrentabel, lange vor ihrer Einweihung.

Das eigentlich Erschreckende ist: Drohnen sind eine besondere Herausforderung für offene Gesellschaften, weit unter der Schwelle industrieller Kriegsfähigkeit zu beschaffen und kinderleicht zu bedienen. Wir werden sehr merklich erpressbarer, auch hinsichtlich unserer Infrastruktur und stehen im Fadenkreuz eines sehr personenbezogenen Targeting. Höchste Zeit, sich unter den Industriegesellschaften vertrauensbildend zusammenzuschließen!

 

(2024/15) 5.3.2024
DIE ZEIT, veröffentlicht am 7.3.2024 im Internet-Angebot der ZEIT =
https://blog.zeit.de/leserbriefe/2024/03/07/29-februar-2024-ausgabe-10/
Rüstungskosten; Titelthema „Was kostet Frieden?“ in der Ausgabe No. 10 v. 29.2.2024 mit Beiträgen von Jörg Lau, Anna Sauerbrey, Mark Schieritz, Heinrich Wefing, Dirk Dausend und Holger Stark

Die ZEIT No. 10 mit ihrer Titelfrage „Was kostet Frieden?“, sie triggert bei mir arge kognitive Dissonanzen. Die Titeltaube als Waffenträger: Ist das nun ironisch, sarkastisch oder polemisch und proakativ? Warum nicht gleich der Heiland im trendigen Tarnfleck? Ist das die neue Zeit? Auch die Frage selbst: Hält man Frieden für einfach geometrisch skalierbar mit den eingesetzten Rüstungs-Input? Viel hilft viel? Die massiven und überwiegend frustrierten Ausgaben seit Beginn der Expeditionen mit scharfem Schuss in den Neunzigern könnten uns eines Besseren belehren, würden wir sie einmal systematisch evaluieren wollen.

Zurück zur Taube: Sie erinnert mich ferner irritierend an George W. als Rambo-artigen Coverboy des SPIEGEL. Und an ein Gespräch mit unserem Pfarrer Anfang der Neunziger über UNOSOM II und DENY FLIIGHT. Ich hatte gefragt, wie die Kirche zu den damals gerade beginnenden Auslandsmissionen stünde. Er hatte dann – mit seiner besonderen Erfahrung in der Feldseelsorge und auch ein wenig triumphierend – einen Katechismus aus dem ersten Weltkrieg produziert und dort eine bereits eingedruckte Fußnote zum Fünften Gebot: „Gilt nicht im Kriege!

 

(2024/14) 26.2.2024
DAS PARLAMENT
TAURUS; zu Beiträgen in der Ausgabe v. 24.2.2024, S. 1 (Alexander Heinrich „Eine Frage der Reichweite“ u. Christian Zentner „Suche nach Antworten“)

Die „Suche nach Antworten“ signalisiert viele offene, zumindest nicht im Konsens zu beantwortende Fragen. Speziell die Causa Taurus müsste vielen Zeitgenossen auf dem Magen liegen, da der Taurus seinem legitimen Ahnherrn sehr gleicht – der designierten Wunderwaffe und Flügelbombe V1, die anfangs Höllenhund heißen sollte.

Wie die Abgeordnete Gabriela Heinrich möchte ich von dem Einsatz des Taurus keine Wunder erwarten, insbesondere keine signifikante Verkürzung der Kriegshandlungen, keine Entspannung und keine Verminderung der militärischen oder zivilen Opferzahlen in der Ukraine. Eher verspräche dies – wie es Paul Watzlawick in seiner unsterblichen „Anleitung zum Unglücklichsein“ schlüssig beschrieb – rasch „mehr desselben Elends“. Der traurige zweite Jahrestag der russischen Invasion sollte uns m.E. nicht zu einem „weiter und härter“ bewegen, sondern zu einem klugen Pfadwechsel mit fühlbar mehr OSZE-Einsatz. Ich denke, diese Erwartung wird von sehr vielen Menschen dieser Welt geteilt.

P.S. / Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Fieseler_Fi_103
https://de.wikipedia.org/wiki/Taurus_(Marschflugk%C3%B6rper)
Paul Watzlawick, Anleitung zum Unglücklichsein, Piper / München, 4. Auflage 2023, S. 27ff (29)

 

(2024/13) 26.2.2024
Süddeutsche Zeitung
Zweiter Jahrestag d. Ukraine-Invasion; Kommentar „Die Propagandisten“ von Frank Nienhuysen (Ausgabe v. 24./25.2.2024, S. 4)

Keine Frage: Russland hat sich psychotisch entwickelt, als Ganzes und in führenden Teilen.

Tatsächlich sieht es bei uns aber wenig anders aus: Tiefe kognitive Dissonanzen anhand der Brutalitäten, die man meinte, mit kluger Politik ausgeschlossen zu haben oder zumindest vom eigenen Lebensmittelpunkt fernzuhalten. Frustrierte Versuche, Macht in die Ferne zu projizieren, wie etwa in Somalia, Afghanistan oder Mali. Und am zweiten Jahrestag der russischen Invasion allseitige verbale, teilweise reale Versuche, einfach nur mehr nach Art der bisherigen Strategie zu stemmen: Mehr Munition, zusätzlich modernste Distanzwaffen wie Taurus – immerhin ein hocheffizienter Nachfahre der Flügelbombe V1, die man anfangs Höllenhund nannte. Kurz, eine Politik der zeitlich nicht begrenzten Eskalation.

Der sehr hellsichtige Paul Watzlawick sieht mir hoffentlich aus dem Himmel nach, wenn ich aus seiner unsterblichen „Anleitung zum Unglücklichsein“, genauer aus dem Kapitel „Mehr desselben“ folgere: Genau das kann nur zu mehr desselben Elends führen. Wir sollten uns neu besinnen und das Geld u.a. für den Taurus nachhaltiger in die OSZE und in die renommierte deutsche Friedensforschung stecken, um nüchterne, realpolitische Verhandlungsansätze vorzustellen. 

Sonst mag dereinst jemand den Kanzler fragen, ob die Zigtausend toten und schwer versehrten Ukrainer – ob russisch- oder ukrainischsprachig – es denn wirklich wert waren. „Besser tot als rot“ wäre dann keine überzeugende Reaktion, auch angesichts krasser diplomatischer Versäumnisse des Westens in den letzten 20 Jahren. Ebenso wenig: „Schau’n wir mal!“

P.S. / Quelle:
Paul Watzlawick, Anleitung zum Unglücklichsein, Piper / München, 4. Auflage 2023, S. 27ff (29)

 

(2024/12) 23.2.2024
DIE ZEIT, veröffentlicht am 29.2.2024 im Internet-Angebot der ZEIT am =
https://blog.zeit.de/leserbriefe/2024/02/29/22-februar-2024-ausgabe-9/
Ukraine-Konflikt; Giovanni di Lorenzos Beitrag „Vor aller Augen“ in der Ausgabe No. 9 v. 22.2.2024, S. 1

Ich habe kein Problem damit, Wladimir Putin vor aller Augen als psychotisch zu bewerten, ebenso – und einander bedingend – das heutige Russland insgesamt. Nur: Exakt das Gleiche gilt derzeit nüchtern betrachtet für mich, für uns, für Deutschland und für unsere alten und neuen Bundesgenossen. Das alles hat auch sehr wenig mit Verfassung zu tun. Sehr viel dagegen mit Angsthaltung und Abstiegsangst und aufgesetztem Stolz.

Pardon: Der viel lautere Weckruf geht von unserem Erdsystem aus; wir haben es nachaktuellem Befund des IPCC bereits bleibend um kritische 1,5 Grad geboostet, Ende offen. Und um da die Hände frei zu bekommen und Ressourcen mit Augenmaß priorisieren zu können, müssen wir besser heute als morgen einen nachhaltigen Kompromiss erarbeiten, unter Wahrung der wohlverstandenen Interessen. Neudeutsch: der vested interests der größeren Mitspieler.

 

(2024/11) 21.2.2024
RGA / Volksbote, abgedruckt am 24.2.2024
Proteste gegen Rassismus und Hetze; Beiträge von Nadja Lehmann „Gegen Rechtsextreme: Burscheids Frauen rufen zu friedlichem Protest auf“ und von Peter Klohs „Für die Demokratie: Burscheider lassen es leuchten“ in den Burscheider Lokalausgaben v. 17.2. / 20.2. (S. 23 / S. 21)

„Burscheid leuchtet“, das ist eine sehr lobenswerte und für alle lohnende neue Initiative: Gut vorbereitet, eindrucksvoll durchgeführt und dann auch völlig zu Recht gekrönt durch eine beachtliche Resonanz bei den Teilnehmer*innen und in den Medien. 

Meine Anerkennung für die vier Freundinnen und Organisatorinnen, die Burscheiderinnen Jutta Reda, Sabine Rusch-Witthohn, Barbara Sarx-Jautelat und Brigitte Thielen, auch zu dem einfühlsam gewählten Motto. Und meine guten Wünsche für die weitere Entwicklung!

 

(2024/10) 19.2.2024
Kölner Stadt-Anzeiger
Rüstung; zu Beiträgen von Kristina Dunz, Daniela Vates und Eva Quadbeck im Kontext der Münchner Sicherheitskonferenz (Ausgabe v. 19.2.2024, S. 1, 2, 4 und 6: „Selenskyj warnt vor ‚Katastrophe‘ “, „Große Krisen, kleine Lichtblicke“, Schmerzhafter Weg zur Wehrhaftigkeit“ und „Die Bundeswehr braucht zügig Geld“)

Wir sind zurück auf dem Gipfel des Kalten Krieges. Ob Vorrüstung oder Nachrüstung – egal, Hauptsache Waffen. Gegen Gewalt hilft halt nur Gewalt, Gute sind Gute, Böse sind Böse und wo gehobelt wird, da fallen eben Späne. Selbst die im Herzen Grünen können – sollten? – heute RheinMetall zeichnen. Diplomatie? Völlige Fehlanzeige, jedenfalls keine bemerkbare. Reine TINA-Stimmung. Oder: There is no alternative.

Hand auf’s Herz: Jeder weiß, es kann, es darf so nicht weitergehen. Nur fehlt das Kind, das lauthals ruft: „Man kann ja alles sehen, ihr habt gar nichts an!“

P.S.:

Die beigefügten Cartoons drücken das Zyklische der Entwicklung m.E. sehr gut aus – der 1951er ist inzwischen wiederverwendbar.

 

1951
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2001
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(2024/9) 16.2.2024
Kölner Stadt-Anzeiger
Rüstungsausgaben; Interview „Sicherheit ist nicht zum Nulltarif zu haben“ von Eva Quadbeck und Kristina Dunz mit Boris Pistorius sowie Kommentar „Dauerhaft mehr Geld für Armee“ von Markus Decker (Ausgabe v. 15.2.2024, S. 3 u. 4)

Vielleicht bin ich ja verrückt geworden. Oder aber ein Gutteil unserer Oberen Zehntausend ist dem Wahn verfallen.

Lassen wir einmal die von Boris Pistorius mehrfach zitierten „letzten 30 Jahre“ Revue passieren: Wir haben sehr, sehr viel militärisches Geld in die Hand genommen – und unter dem Strich sehr, sehr viel Unsicherheit herausbekommen. Tatsächlich haben wir unter aktiver Mithilfe hoher und höchster Chargen aus Brüssel, die unangefochten weiter in Amt und Würden sind, den Nahen und Mittleren Osten mehr und mehr destabilisiert, haben dabei auch massiven Migrationsdruck getriggert. Außer Spesen praktisch nichts gewesen. Weiter: Wir sind mit unseren Waffensystemen ein signifikantes Stück in Richtung Moskau vorangekommen. Selbst NATO-Flugzeugträger in Sewastopol schienen schon zum Greifen nah, am weichen Bauch Russlands. Und nun könnten wir nach der Sowjetunion auch nochmal das postsowjetische Russland militärisch und wirtschaftlich in Grund und Boden rüsten? Auf dass von dort nie wieder Kriege ausgehen können? Danach endlich: Ewiger Frieden? Ist das rational?

Nur nebenbei erwähnt: Wenn wir uns bald im Wege eines intensivierten Zivilschutzes warm anziehen müssen, dann braucht es – das vergaß Boris Pistorius gleich mit aufzuführen – naturgemäß auch wieder einen gut oder sogar noch besser gehärteten Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes und der Länder, Marke „Dienststelle Marienthal plus“. Klüger und ökonomischer wäre allerdings, wir schickten die NATO auf Heimaturlaub und holten die OSZE aus dem Winterschlaf. Unser gutes Leben mag nicht zum Nulltarif zu sichern sein. Aber in jedem Fall funktioniert es nicht dauerhaft mit Aplomb, männlichem Auftrumpfen und einer Übermacht, koste sie, was sie wolle. Eher mit der Bereitschaft zum Ausgleich und dem Einschalten der Spiegelneuronen.

Vielleicht dienen dann dabei die Südtiroler als wertvolle Ratgeber: Während des Zweiten Weltkriegs hatten wir sie einmal zur Besiedlung einer vorher per Völkermord geleerten Krim ausersehen. Und heute sind sie besonders angesehen beim gewinnbringenden friedlichen Zusammenleben verschiedener Sprachen und Ethnien.

Quellen:

Zum AdVB, alias Dienststelle Marienthal, wo sich ein Besuch aktuell besonders empfiehlt: https://de.wikipedia.org/wiki/Regierungsbunker_(Deutschland), zu vergleichbarer Vorsorge der politischen Elite der DDR der Bunker Komplex 5000 sowie der Bunker Harnekop. Im letzten Betriebszustand eingemottet und daher heute besonders eindrucksvoll ist der Ausweichsitz der Landesregierung NRW = https://www.ausweichsitz-nrw.de/. Anm.: Vielleicht müsste darum unter aktuellen Vorzeichen sogar der Hauptstadtbeschluss neu gedacht werden 😉

Zu Ansiedlungsplänen für 210.000 Südtiroler, die 1939 für Deutschland optiert hatten, auf der Krim: Siehe etwa Bert Hoppe: Die Schatten der Weltkriege. Die Deutschen und die Krim, in: Aus Politik und Zeitgeschichte / APuZ (Zeitschrift d. Bundeszentrale f. politische Bildung) 6-8/2024, S. 33 (37), im Netz unter https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/APuZ_2024-06-08_online.pdf

 

(2024/8) 5.2.2024
Remscheider General-Anzeiger, Lokalausgabe Burscheid, abgedruckt 7.2.2024
Bürgerbeteiligung; Nadja Lehmann: „Ich schaue ganz anders auf Lebensmittel als früher“ (RGA Lokalausgabe Burscheid v. 30.1.2024, S. 21)

Eigentlich „just in time“, diese ersten Erfahrungen, die der Bundestag gerade mit dem „Bürgerrat für Ernährung“ sammelt. Dass die Koalitionsparteien ganz neue Wege der kontinuierlichen Zusammenarbeit mit der Gesellschaft ausprobieren wollen, das war vor der letzten Wahl gar nicht zu erwarten. Aber wenn der demokratische Konsens plötzlich als sehr bedroht erschien – und wo nun plötzlich landauf, landab Tausende unserer Verfassungsordnung den Rücken stärken, da zeigt es sich ebenfalls: Die Bürger sind gereift und qualifizieren sich hier und heute für mehr Teilnahme und Gehör, gerade bei leidenschaftlich umstrittenen Fragen.

Dann aber ist mehr laufende Teilhabe nicht nur auf Bundesebene beiderseits nützlich, sondern gerade auf der lokalen Ebene. Hier mag sich sogar ein TOP-Thema für den bevorstehenden lokalen Wahlkampf herausschälen: Wie stehen unsere Parteien zu Bürgerräten bei der künftigen Stadtentwicklung? Als Glücksfall könnte sich erweisen, dass im Herbst 2023 die Arbeiten an der unteren Hauptstraße aus dem laufenden Entwicklungskonzept ausgekoppelt worden sind; zusammen mit dem neuen ISEK 2030 stünden sie nun grundsätzlich für einen modernen, betont bürgernahen Prozess offen.

Vielleicht kann Frau Hilbert sogar ihre motivierenden Berliner Erfahrungen einbringen, um ein Verfahren vor Ort bestmöglich vorzubereiten.

 

(2024/7) 31.1.2024
Kölner Stadt-Anzeiger, Lokalausgabe Leverkusen, abgedruckt 6.2.2024
Proteste gegen die AfD; Reportagen in den Lokal-Ausgaben Leverkusen v. 29. u. 30.1.2024 (Violetta Gniß: „Mahnwache füllt Burscheids Markt“ und Janne Ahrenhold: „Tausende demonstrieren gegen Rechtsruck“)

Das sind bemerkenswerte Demonstrationen – diesmal als sehr vernehmliche Stütze von Politik und Parlament. Und beeindruckend tief gestaffelt, flächendeckend auch außerhalb der Metropolen. Darin liegt, wie es ein Redner am Samstag sehr erfrischend sagte, auch eine Aussage zum demokratischen Verfahren: Man könne Demokratie eben nicht einfach delegieren. Manchmal muss man sich selbst zeigen, wenn es nottut, auch zwischen den Wahlterminen.

Dann aber darf man die positiven Demonstrationen zusätzlich als einen gelungenen Reifetest werten und darf künftig etwas mehr direkte demokratische Mitwirkung wagen, etwa in Bürgergutachten oder Bürgerbegehren. Wer kontinuierlich trainiert, der erhält oder stärkt gar seine politische Leistung. Und gegen die Hass- und Abgehobenheits-Rhetorik ist man viel besser gewappnet.

 

(2024/6) 29.1.2023
Remscheider General-Anzeiger
Proteste gegen die AfD; Markus Deckers Kommentar „Darauf lässt sich bauen“ in der Ausgabe v. 29.1.2024, S. 1

In der Tat: Das Gemeinschaftsgefühl aus flächendeckenden positiven Protesten kann Fundament sein und auch Brücke – in einer Zeit, die weiß Gott festen Boden ebenso wie aufbauende Begegnung braucht. 

Den bunten Protest, der unseren demokratischen Rechtsstaat so vernehmlich bejaht, mag man aber ferner als Zeugnis der bürgerlichen Reife deuten. Das würde neue und engere Formen der politischen Beteiligung ermutigen, etwa Bürgergutachten oder Bürgerbegehren. Und könnte damit unsere etwas erstarrte und Experten-dominierte Republik mit neuen Impulsen verjüngen. Tatsächlich gibt es erfahrene Demokratien, die dies nicht nur aushalten, sondern zu schätzen gelernt haben.

 

(2024/5) 29.1.2023
Süddeutsche
Proteste gegen AfD; Kommentar von Ulrike Nimz „Schaut auf diese Dörfer“ in der Ausgabe v. 29.1.2024, S. 4

Aus der Flächendeckung und tiefen Staffelung der bunten Proteste in Ost wie West mag man eine Art kategorischen Imperativ pro Toleranz und Schutz ableiten. Und einen politischen Reifegrad, der eben neue Bündnisse zwischen Politik und Bürgerschaft nahelegt und sogar mehr regelbasierte direkte Mitwirkung, etwa in Bürgergutachten oder Bürgerbegehren. 

Im Maximum mag irgendwann der Schriftzug „DEM DEUTSCHEN VOLKE“ auf dem Reichstagsgebäude durch den Schriftzug „DER BEVÖLKERUNG“ ersetzt werden, der derzeit in einem Beet in einem Innenhof des Parlaments schlummert. Gut - eine Vision.

 

(2024/4) 29.1.2024
Frankfurter Allgemeine, abgedruckt 5.2.2024
Proteste gegen die AfD; Jasper von Altenbockums Kommentar „Unbehagen in einer neuen Zeit “in der Ausgabe v. 19. Januar, S. 1

Die neue „Bewegung“, wie sie sich just sogar weit entfernt von Magistralen und Kapitalen formiert, birgt m.E. auch neue Chancen für die politischen Helden und Kärrner. Wohl zum ersten Mal seit Geburt der Republik stützen flächendeckende, bunte Demonstrationen unser gesellschaftliches, wirtschaftliches und politisches Geschäftsmodell. Ob das Modell dieser Hilfe objektiv bedurft hätte, das mag man gerne bezweifeln. Diese neue „Bewegung“ mag aber heute die Furcht unserer Verfassungsgeber vor einer Ochlokratie relativieren, vor der Herrschaft des Pöbels. Und sie widerlegt gleichzeitig den giftigsten Universal-Quantor der AfD: Dass nämlich alle bisherigen Regierungen zu jeder Zeit civibus absolutus bzw. weit vom Volk abgehoben geplant und verfügt hätten.

Vielleicht gelangt die eher traditionelle politische Schicht sogar zu der Einschätzung, dass das Volk derzeit ein Zeugnis der Reife ablegt und sich für mehr kontinuierliche Mitwirkung qualifiziert, etwa nach Muster des gerade im Bundestag erprobten Bürgergutachtens. Die Erfahrungen schon weiter gereifter Demokratien wie der Schweiz oder der USA würden dem nicht widersprechen.

 

(2024/3) 19.1.2024
Kölner Stadt-Anzeiger
Songs für den Frieden; „Ein bisschen Frieden“ von Christian Bos (Ausgabe v. 17.1.2024, S. 20)

Ganz oben in meiner Songliste steht Donovans „Universal Soldier“. Nach meinem Verständnis koppelt er zu Kants „Zum Ewigen Frieden“ zurück: „His orders come from far away no more“ weist auf unsere ganz praktische demokratische Mitverantwortung; eben das war Kants Ideal: Eine Mitentscheidung derer, die die Kriegslasten zu tragen hätten, würde Konflikte dämpfen helfen. Auch Kant war alles andere als ein theorielastiger Träumer, wie manch einer aus dem Titel seiner Schrift von 1795 herauslesen möchte. Einleitend schreibt Kant mit bekannt spitzer Feder: Der Titel ist schlicht abgeleitet von einem niederländischen Gasthof in der Nachbarschaft eines Friedhofs.

Ferner: „Imagine“ verstehe ich nicht als eine Zumutung an die Fantasie, auch heute nicht. Was wäre überraschend daran, wenn Menschen des 21. Jahrhunderts keinen Sinn darin sähen, sich etwa für ein umstrittenes Staatsgebilde, für willkürlich gezogene Grenzen oder auch für eine vorherrschende Glaubensrichtung ins Jenseits befördern zu lassen?

 

(2024/2) 19.1.2023
DIE ZEIT, veröffentlicht am 25.1.2024 im Internet-angebot der ZEIT:
https://blog.zeit.de/leserbriefe/2024/01/25/18-januar-2024-ausgabe-4/
Ukraine; Leitartikel „Tja“ von Anna Sauerbrey in der Ausgabe No. 4 v. 18.1.2024, S. 1

Die These ist sehr alt, wird in jüngster Zeit allerdings stark vervielfältigt: Früheres, entschlosseneres und massiveres Eingreifen und eine progressive Bewaffnung würde schlimmeres Leid verhüten. Ebenso wie der heute so beliebte Terminus „Zeitenwende“ blendet dieses Denkmodell aber das „Vorher“ und bisherige Erfahrungen als schon überholt aus. 

Die Realität mag ganz anders aussehen: Die raumgreifende und gerne präventive, bisweilen auch sehr blutige Interventionspolitik seit 1993 hat sehr wenige bleibende Erfolge, dafür aber viele Opfer gezeitigt. Und auch im Falle der Ukraine dürfte die Welt heute völlig anders aussehen, hätte man die OSZE zumindest ebenso wie die NATO wertgeschätzt und ausgestattet. Auch das Besonnene kann Stärke und muss keine Schwäche signalisieren.

 

(2024/1) 12.1.2024
Kölner Stadt-Anzeiger
weitere Waffen für die Ukraine; Leitartikel „Munition statt Strategiedebatten“ von Matthias Koch in der Ausgabe v. 11.1.2023, S. 4

Eine Niederlage der NATO ist nicht in Sicht. Denn die NATO steht zum Glück nicht im Krieg, höchstens dahinter. Umso eher können wir jede Möglichkeit des Ausgleichs der wohlverstandenen Interessen ausloten. Davon ist in den Medien sehr selten die Rede; eine dankenswerte Ausnahme war der Abdruck eines Gastbeitrages von Winfried Böttcher „Die Denkblockade durchbrechen“ im Stadt-Anzeiger vom 23. Februar 2023.

Denn eines wollen wir ganz sicher alle nicht: Diesen Konflikt mit seinen tagtäglich mehr als hundert Toten – vor allem Ukrainer, Russen und russisch sprechende Ukrainer – unseren Kindern oder gar Enkeln vererben, als einen schwärenden Stellvertreterkrieg und Ausdruck offener Völkerfeindschaft. Aus meiner Sicht: Kein Langstreckenlauf, eher ein Totenmarsch, powered by Germany.

 

Und ein paar Sammlerstücke aus früheren Jahren:

 

Die Mutter aller [meiner] Leserbriefe zur Außen- und Sicherheitspolitik:

 

29.9.1992
Kölner Stadt-Anzeiger; abgedruckt 2.10.1992
Militär; Absage der "V 2 - Gedenkfeier" in Peenemünde (Kölner Stadt-Anzeiger. v. 29.9.1992)

Hätten wir am Deutschlandtag die Schöpfer der V 2 hochleben lassen, hätten wir auch die der Scud mitgefeiert. Die Scud ist wie die Mehrzahl der heute weltweit ausgerichteten Trägersysteme legitimer Nachfahre der V 2. Scud und V 2 sind brutale Massenvernichtungswaffen, die unter einem verantwortungslosen Regime bewußt zum Schaden der Zivilbevölkerung eines anderen Landes entwickelt und eingesetzt worden sind.

Demgegenüber ist der vorgebliche Kontext ziviler (!) Raumfahrtforschung, der etwa den jungen Wernher von Braun begeistert und geblendet haben mag, als Begründung eines V 2 - Festes geradezu absurd. Die Forschung hat sich gegen diese Wirtschaftsidee im doppelten Sinne auch ausdrücklich verwahrt.

Der Vorschlag war, wenn auch der count-down schweren Herzens in letzter Sekunde abgebrochen wurde, bereits eine verheerende Wunderwaffe gegen das Ansehen des neuen Deutschland im Ausland und unserer Repräsentanten im Inland.

 

Und der am weitesten gereiste Leserbrief:

 

22.08.1995
NIKKEI WEEKLY, JAPAN; abgedruckt 28.8.1995
Militärpolitik; Bombardierung von Hiroshima und Nagasaki; THE NIKKEI WEEKLY of August 14, 1995

I refer to reports on WW II and especially to two letters to the editor printed in THE NIKKEI WEEKLY of August 14, 1995. It is my impression that those two letters offer a unilateral and quite insulting interpretation of the motives behind the drop of atomic bombs onto Hiroshima and Nagasaki fifty years ago (e.g. N. Hale: "a merciful decision"). So, I would like to show an alternative view:

It is certainly true that Japanese military leaders commenced the hostilities against the USA. But the Japanese victims at Hiroshima and Nagasaki were in their vast majority civilians. And although they were victims, I am far from sure they were the real addressees of the bombs as well. There is quite a convincing hypothesis: The drop of the bombs in the first place aimed at impressing the counterparts of Truman at the Potsdam Conference of July/August 1945 – Truman, a just invested and still very uneasy-feeling American president. To add: according to now opened American files the Nagasaki bomb was also meant to test a completely redesigned ignition system.

The echoes of that demonstration of power strongly outlived that event. We hear them over and over again – from Iraq, from France, from China etc. So, humanity will never forget those victims, even if some wanted to.

 

Weitere Leserbriefe

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Oder auch ein paar Briefe für
Englisch-sprachige Medien.

Gerne meine >150 Leserbriefe, die zum Thema Außen- und Sicherheitspolitik, Auslandseinsätze bzw. „out of areaveröffentlicht worden sind.

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